Eine neue, verändernde Sicht auf Menschen mit so genannten geistigen Behinderungen

Buchrezension: Heppenheimer, Hans (Hg.): Menschen mit Behinderungen verändern die Welt: Über emotionale Kompetenz und gesellschaftliche Inklusion. 2. Aufl., Sigmaringen: Inklusions-Verlag 2016, 205 Seiten, gebunden, 19,90 €. ISBN-Nr. 978-3-981728-02-6

„Dieses auch ästhetisch besonders ansprechende Buch öffnet eine neue, verändernde Sicht auf Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung (m.s.g.B.). Statt des defizitären Blicks auf Förder- oder Therapiebedarf zeigen Herausgeber samt elf Mitautoren*innen auf berührende Weise, welche Potentiale diese Menschen in ganz unterschiedliche Lebensbereiche einbringen und dadurch die Welt im Sinne der Inklusion verändern. Die Grundthese des Buches ist, dass Menschen m.s.g.B. eine emotionale Kompetenz besitzen, die sie als ihre Begabung in unsere Gesellschaft einbringen können. Diese für die menschliche Gemeinschaft so wichtige Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle zu spüren, bereichert unsere  Gesellschaft und erhöht die Wertschätzung dieser Personengruppe.

Das selbstgesteckte Ziel des Buches, die häufig bestrittene und übersehene emotionale Kompetenz von Menschen m.s.g.B. aufzuzeigen, wird von den Autoren*innen m.E. mehr als erreicht. Die Erfahrungsberichte zeigen anregend und ganz konkret auf, welche erstaunlichen Fähigkeiten jede*r ganz individuell beizutragen vermag und wie diese – nicht nur emotionalen – Potentiale entdeckt, gefördert und wertgeschätzt werden können.

In der ersten Hälfte des Buches führt der Herausgeber Hans Heppenheimer mit reichhaltigen Beobachtungen sowie psychologischen und theologischen Ausführungen in die emotionale Kompetenz von Menschen m.s.g.B. ein. Als betroffener Vater erzählt er, wie seine innere Haltung durch seinen Sohn Felix gewachsen ist, sich seine Wahrnehmung verändert hat. In eindrücklichen Alltagssituationen im Wartezimmer, auf der Radtour oder in Trauersituationen ist ihm bewusst geworden, dass die Empathie von Felix eine andere ist: unmittelbarer, direkter, ohne Routine. Und wie Felix z.B. nach dem Tod eines nahen Verwandten das Wesentliche in einfachen und klaren Worten sagen konnte: „Wilhelm ist jetzt im Himmel und in meinem Herzen!“ Aber auch, wie schwer er es mit seinen Gleichaltrigen hatte, weil er ohne einen bestimmten Zweck nicht auf Kosten anderer spielte.

Als Geistlicher und Dipl. Sozialpädagoge in Mariaberg e.V. beschreibt er, wie Menschen m.s.g.B. ihre emotionalen Kompetenzen über Jahre mit großer Freude in Kirchengemeinden hineintragen, wenn sie von unterschiedlichen Tieren in der Bibel erzählen. Er berichtet, wie die älteren Frauen aus einer Wohngruppe in einer überfordernden Tagessituation zwischen Todesfall, Weihnachten und Geburtstag intuitiv und handlungssicher ihrer Mitarbeiterin vorschlagen: „Gisela, heute singen wir nur!“. Eine andere Frau m.s.g.B. spürt in der Trauer „die Kerze in ihrem Herzen“ und eine Konfirmandin, die mit ihrer Gruppe Mariaberg besucht, beobachtet im Kunstprojekt: „Die malen viel besser als wir“, weil sie nicht überlegen müssen und aus ihrem Gefühl heraus kreativ werden.

In der Beschäftigung mit Menschen mit sog. Behinderungen in der Bibel ist Hans Heppenheimer auf die Gestalt des Moses gestoßen und ist dabei auch hinsichtlich eigener Schwierigkeiten, deutlich zu artikulieren, sich selber gegenüber ehrlicher geworden. Er arbeitet heraus, dass von den alttestamentlichen Exegeten Ernst Sellin, Martin Noth, Rudolf Smend und Eckart Otto die Sprachbehinderung des Mose (vgl. Ex 4 + 6) weitgehend verschwiegen oder heruntergespielt wird, wohl weil es schwer zu ertragen ist, dass eine religiöse Schlüsselperson so sprachlos ist. Dass die jüdische Geschichtsschreibung mit einem Menschen mit Behinderung beginnt, wird von jüdischen Autoren weit weniger verdrängt oder als Provokation empfunden, so z.B. bei Léopold Szondi, Martin Buber oder Benno Jacob.

Im zweiten Teil des Sammelbandes erzählen elf Autor*innen, wie unentdeckte Fähigkeiten von Menschen m.s.g.B. ans Licht gebracht und erstaunlich wirksam wurden. Melanie (Namen jeweils geändert) mit 30% Sehkraft hantiert bei der Zubereitung des brasilianischen Obstsalats mit dem absolut schärfsten Messer und verändert spürbar das Sozialverhalten in der inklusiven Klasse zum Positiven. Drei Viertel der Klasse wollten ihre Patin sein. Aus dem inklusiven Konfirmandenunterricht in Gäufelden-Öschelbronn wird berichtet, wie selbstverständlich sich jeweils ein bzw. eine Konfirmand*in mit und ohne Behinderung zusammen haben einsegnen lassen, und wie ein Junge, der Einflüssen aus der politisch rechten Szene ausgesetzt war, seine Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen verändert und auch vehement seinen Kumpeln aus dieser Szene gegenüber vertreten hat. Anna, mit hohem seelsorgerlichen Geschick, war auf jeder Beerdigung dabei, konnte Trauernde trösten, Menschen am Grab mit ihren Blumen berühren und hat mit ihrer besonderen Glaubenstiefe ihre im Dorf anerkannte Berufung gefunden. Seit Fabian, der das Down-Syndrom hat, als Assistent im Friseursalon arbeitet, ist nicht nur der Kaffeeumsatz gestiegen. Er lernte auch Wickel einzudrehen, Haare zu färben und hat mit dem Maschinenhaarschnitt Stammkunden gewonnen, die nur von ihm bedient werden wollen. Obwohl auch Konflikte dazugehören, ist der Salon ohne Fabian nicht mehr denkbar. Ähnlich ist es in einer Gastronomie, in der vier junge Leute m.s.g.B. im Rahmen ihres persönlichen Budgets eine Ausbildung machen, und das gelegentlich ungehaltene Verhalten der Chefin nach eigener Aussage nachhaltig veränderten. „Sie haben mich richtig auf den Punkt gebracht, damit ich heute weiß, worauf es in unserem Lokal ankommt.“ Denn „die eigentliche Kommunikation zwischen Menschen geschieht nicht durch Worte oder Sprache, sondern wenn Seelen miteinander sprechen und in Kontakt treten.“ Laura mit Down-Syndrom hat ihre Mutter gelehrt, auf ihr Potential zu schauen und darauf, was „ihr göttlicher Auftrag“ ist. Heute arbeitet Laura als qualifizierte Tanzassistentin in einer inklusiven Kindertagesstätte sowie einem Seniorenheim mit viel therapeutischem Gespür und hat monatlich ein bis zwei öffentliche Auftritte. Da ist Isolde H., die viel Erfahrung und Persönlichkeitsentwicklung mit Bibliodrama gemacht hat, bereits auf der Kanzel stand und gerne die Prädikantenausbild in der Ev. Landeskirche in Württemberg machen würde, nicht trotz, sondern mit ihrer Lernbesonderheit, weil es ihr nicht darum geht, eine Pfarrerin zu imitieren, sondern in ihrer unverwechselbaren Besonderheit von Gott zu reden. Und schließlich Heidi, eine Mitvierzigerin mit Epilepsie und starken Verhaltensbesonderheiten, die oft lange andauernd schreit und sich die Nase blutig reißt. Ihre Betreuerin berichtet rückblickend hochachtungsvoll, dass sie Lichtspuren in ihrem Leben hinterließ: „Meine Lehrerin, meine Therapeutin und meine Freundin!“ Und schließlich Helga, eine lebenslustige 34-jährige Frau mit Down-Syndrom, die eines Tages konsequent jedes Essen, Trinken und Medikament verweigerte und sterben wollte. Ein zutiefst bewegender Bericht mit den Schlussworten: „Deine Seele wusste den Weg und du bist ihr Impuls für Impuls gefolgt. (…) Alle werden vielleicht spätestens im eigenen Sterben den Schatz erkennen, den du uns mit deinem Gehen hinterlassen hast.“

Eindrücklich zeigt das Buch in einer inspirierenden Vielfalt auf, was uns Menschen m.s.g.B. in ganz unterschiedlichen Lebenskontexten lehren, wie sie innere Lernprozesse ermöglichen und das Leben bereichernd bewegen können: Es ist keine leere Theorie, sondern erfahrungsgesättigte Praxisanschauung, wie gesellschaftliche Inklusion besser gelingen kann. Ein Mutmacher und eine Motivationsspritze auf diesem oft so steinigen und lohnenswerten Weg. Sehr zu empfehlen und lesenswert!“   PD Dr. Wolfhard Schweiker, Pädagogisch-Theologisches Zentrum Stuttgart

Adresse des Buch-Autors: 

Pfarrer Hans Heppenheimer
Klosterhof 1
72501 Gammertingen
Telefon: 07124 / 923-621 oder 07124 / 923-288

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