Erfahrungen in Kitas

Kinder spielen in der Kita Ludwigsburg

Der Fonds „Inklusion leben“ hat auch einige Projekte in evangelischen Kitas in Württemberg gefördert. Erzieherinnen und Erzieher haben sich dabei auf neue inklusive Wege gemacht und viele Erfahrungen gesammelt.

In Mergelstetten haben über drei Jahre hinweg junge Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr dazu beigetragen, dass Kinder mit und ohne Sehbehinderung im evangelischen Kindergarten schneller und besser zusammenwachsen können.

In Heilbronn haben mehrere evangelische Kitas mit Medien und Ausstattung die Teilhabe von Kindern mit Behinderungen und mit Migrationshintergrund und deren Familien gestärkt.

In Horb hat eine junge Frau mit Down Syndrom ein Jahr lang in einem evangelischen Kindergarten mitgearbeitet und sich dabei neben der Hauswirtschaft auch um Kinder gekümmert. Siehe den Beitrag unten: „Betriebliche Inklusion sichtbar zum Alltag geworden“


Bild 039-2017 Johannes Kindergarten Horb
Kinder verkleiden sich zu Fasching im Johannes Kindergarten Horb

„Betriebliche Inklusion sichtbar zum Alltag geworden“: junge Frau mit Down-Syndrom als Kollegin (039-2017)

Hinter dem Titel „Arbeit inklusiv“ stand die Projektidee der Inklusion einer jungen Frau – Mirjam B. – mit Downsyndrom als (ehrenamtliche) Mitarbeiterin im Evangelischen Johanneskindergarten in Horb. Ausgangspunkt hierfür waren eine zweijährige Kooperation im Rahmen einer Qualifizierungsmaßnahme durch die Arbeitsagentur, die Zusage der Finanzierung der benötigen Arbeitsassistenz durch das Sozialamt gekoppelt an das Bemühen der Einrichtung einen „Verdienst“ sicherzustellen und der Wille aller Beteiligter, diese betriebliche Inklusion ermöglichen zu können.

Mirjam B. und ihre Assistentin haben im Kindergarten an drei Vormittagen pro Woche mitgearbeitet und sind für die Erzieherinnen, Kinder und Eltern zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Einrichtung geworden. Betriebliche Inklusion ist hier sichtbar zum Alltag geworden. Mirjam B. war mit Freude und Engagement bei der Arbeit und wurde dabei von ihrer Mutter als Arbeitsassistentin unterstützt. Auch die Kinder des Kindergartens schätzten sie sehr. Im Laufe des Jahres wurden aber auch die Grenzen von Mirjam B. deutlich sichtbar – war die Mitarbeit doch auch kräftezehrend und anstrengend.

Das Sozialamt hat zugesagt, die Assistenzkosten auch über das erste Jahr hinweg zu übernehmen. Unter der Überschrift „soziale Teilhabe“ ist dies nun auch möglich, ohne dass Mirjam B. zwingend einen Verdienst durch die Einrichtung erhält. Ebenfalls kann die sozialpädagogische Begleitung zukünftig über Gelder des Sozialamtes abgerechnet werden. Der Kindergarten selbst würde die betriebliche Inklusion weiterhin ermöglichen – ohne Aufwandsentschädigung.

Seitens der Familie gab es den Wunsch, über ein Praktikum im Kindergarten im Wohnort eine Teilhabemöglichkeit für Mirjam B. zu eröffnen, die eventuell als weniger anstrengend empfunden wird. Die Einrichtung scheint eine Struktur zu haben, die den Bedürfnissen von Mirjam B. besser entspricht beziehungsweise die selbständige Bewältigung des Arbeitsweges vermöglicht und deswegen auf längere Sicht ein passenderer Ort sein könnte.


Kinder besser kennen lernen und Eltern-Bezug Eltern stärken: Videographie im Wartberg-Kindergarten Heilbronn (083-2017)

„Die Einführung der Videographie als Beobachtungsinstrument zeigte sich als sehr hilfreich nicht nur in Bezug auf der veränderten Beobachtungsmöglichkeit sondern auch für die Teilhabe der Eltern am Kindergartenalltag. Momente und Situationen werden sichtbar, die oft im Alltag unter gehen.

Auch das Anschauen der kleinen Filme mit den Kindern bereitet sehr viel Freude, wenn sie sich sehen und staunend rufen: „Da bin ich im Film“.  Dies überwindet auch die Sprachbarriere, welche bei einigen Kindern unserer Einrichtung zum Alltag oft ein Problem wird. Sie strahlen über das ganze Gesicht und freuen sich sehr, dass sie sich dort sehen können.

Sprachlich konnten wir dann sehr niederschwellig hier anknüpfen und z.B.  die gesprochenen Worte der Kinder aus dem Film aufgreifen, um so eine Festigung der bereits gelernten Worte zu erreichen. Eine Erweiterung des Wortschatzes gelang uns durch weiteres Benennen von Gegenständen z.B. während des Filmes und durch das zusätzliche sprachliche Begleiten des Spieles auch während des Gruppenalltages.

Schön zu beobachten war auch z. B. als etwas gebaut wurde. Wie viel Stolz, sich in Mimik und Gestik der Kinder zeigt, wie sie beim Betrachten des Geschaffenen förmlich wachsen und stolz auf sich und ihr Tun sind. Dies waren auch tolle Beobachtungen für Kinder, die der deutschen Sprache noch nicht mächtig sind und auch ein Zeichen der gegenseitigen Akzeptanz, egal welche Herkunft die Kinder haben und welche Sprache die Kinder beherrschen. Deutlich wurde hier in den Videoaufnahmen das Inklusion auch ohne gesprochene Sprache funktionieren kann. Dies verdeutlichte sich uns im Team nach Betrachtung dieser Aufnahme nochmals sehr.

Das Instrument Videographie kam besonders bei einer Qualifikation zur  Marte Meo Praktikerin zum Einsatz. Dieser pädagogische Ansatz greift als eine sehr niederschwellige Methode, welche sich an den Intentionen der Kinder orientiert. Mit Hilfe der Kamera werden einzelne Alltagssituationen mit dem Kind gefilmt. Aus diesen Filmen wird dann eine kleine Zeiteinheit von ein paar Sekunden analysiert. Der Fokus liegt auf den „guten “, gelingenden Momenten der Kinder. Dies bedeutet, die „schlechten“ (nicht wünschenswerten) Verhaltensweisen werden auf die Seite geschoben. Aufbauend wird  an den positiven Eigenschaften mit den Kindern gearbeitet.

Diese analysierten Sequenzen schaffen eine niederschwellige Basis als hilfreiches Instrument in der Arbeit mit den Eltern. Eingebaut wurde dies in die Entwicklungsgespräche, um auch so den Eltern, welchen der Blick auf das Gute im Kind fehlt, zu unterstützen und zu vermitteln, dass oft die kleinen Momente, welche ganz viele sein können, die Wichtigsten sind.

Damit bieten wir den Familien einen „Ein“-Blick auf die positiven Eigenschaften ihrer Kinder,  um so die guten Verhaltensweisen ihres Kindes zu erkennen und stoßen somit eine neue Sichtweise an, welche förderlich für eine gute Eltern-Kind Beziehung ist. Dies möchte ich Ihnen an Hand eines Beispiels aus unserer Einrichtung veranschaulichen:

Besonders gelang hier der Einsatz dieses Ansatzes bei einem autistischen Kind unserer Einrichtung. Durch das reflektieren der Aufnahmen von kleinen Spielsequenzen der Kinder gelang es, einen noch besseren Zugang zu dem Kind zu gewinnen. Uns als Team, verdeutlichten die Aufnahmen besonders, die körperlichen Signale, welche das Kind aussendete. Diese wurden im Alltag in dieser Intention nicht oder nur teilweise wahrgenommen. Eine Sprachbarriere bestand, da das Kind nur in seiner eigenen Fantasiesprache redete.

Ein deutliches Erkennen der Körpersignale gelang durch das mehrfache Anschauen der Filmsequenzen. So erlebten die Mitarbeiterinnen durch das eingesetzte Medium Videographie eine Bereicherung auch in der Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigungen.

Durch das regelmäßige Austauschen mit den Eltern des Kindes, gelang es uns auch, die Familie auf niederschwellige Weise in die Arbeit mit ihrem Kind miteinzubeziehen. Es wurde sich über das beobachtete ausgetauscht, Verhaltensvereinbarungen getroffen und dann nach einiger Zeit diese reflektiert. Die bewegten Bilder machten auch die Gespräche mit der Familie, welche aus dem Kosovo stammt, sehr lebendig. Wir überwanden dadurch nicht nur die bestehenden Sprachbarrieren sondern wir konnten so den Eltern genau die Aktionen ihres Kindes zeigen und auch entsprechende Fortschritte festhalten.

So gelang es dem Team in Zusammenarbeit mit den Eltern und einer Frühförderstelle, dass wir das Kind nicht nur in Alltagssituationen besser verstanden (auch ohne Sprache- nur mit Mimik und Gestik) sondern das Kind bei großen Entwicklungsfortschritten begleiten durften. Es gelang dem Kind einen Grundwortschatz beizubringen. Dieser umfasst ca. 30 deutsche (teilweise sehr gut verständliche) Worte, selbständiges An- und Ausziehen, Selbstständiges trinken und noch viele Fortschritte in der Fein- und Grobmotorik. Nicht nur die Eltern sind sehr stolz auf ihr Kind und dankbar über die großen Fortschritte die ihr Kind geschafft hat.

Für die Arbeit im/mit dem Team wurde dieser Mehrwert einer Videoaufnahme sehr schnell deutlich. Die Vielseitigkeit des Unterstützungsbedarfes erhielt durch das gemeinsame mehrfache Anschauen der Filmsequenzen im Team und mit den Familien einen neuen Fokus und diente so einer neuen Form der Alltagsanalyse und das entsprechende Umsetzen einer individuellen Anpassung des Erzieherverhaltens/ELternverhaltens, sowie einer gezielten individuellen Förderung des einzelnen Kindes.

Ein niederschwelliges Angebot für die Familien unserer Einrichtung war auch ein gemeinsamer Filmnachmittag, bei dem wir mit den Familien im Rahmen unseres Martinsumzuges die Martinsgeschichte auf großer Leinwand angeschaut haben. Hier erhielten auch die Familien, welche die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen, durch das veranschaulichen der Geschichte in Bildern, ein Verstehen dieser und somit der Bedeutung des Martinstages.

Eine Situation von diesem Nachmittag möchte ich nochmals besonders herausgreifen.

In unserer Einrichtung haben wir eine Familie, bei der beide Eltern taubstumm sind. Auch dieser Familie wollten wir an Hand der Bildergeschichte, die Möglichkeit geben diese mitzuerleben. Während der Geschichte erkannte eine andere Mutter, dass sie unterstützen könnte, in dem sie noch zusätzlich zur Erzählung und den Bildern der Familie in Gebärdensprache, den Text übersetzte. Die Mutter bedankte sich im Anschluss mit Tränen in den Augen, dass sie endlich nicht nur das Gesprochenen „Ausharren“ musste und sie nicht nur auf das Lippenablesen angewiesen war.

Es ist schön zu erleben, wie eine kleine Unterstützungsmaßnahme die Menschen immer weiter zusammenschweißt und jeder doch in seinem, was er gut kann unterstützt, und so die Familien in unserer Einrichtung noch mehr ein Angenommen und Willkommen sein, nicht nur spüren, sondern auch erfahren.

In regelmäßigem Einsatz ist „unser Beamer“ auch bei Elternabenden, Elterncafes und bei unserem Vorlesepaten, dem Gemeindepfarrer, welcher dieses Instrument der bildhaften Darstellung für seine religiösen Erzählungen gerne nutzt. Dadurch werden auch Kinder mit wenigen Sprachkenntnissen erreicht und können die Erzählungen an Hand der Bilder begreifen.

Da unsere Arbeit durch Baumaßnahmen stark eingeschränkt war starten wir nun wieder richtig mit dem Thema der Videographie durch und setzen hier nochmals verstärkt den Fokus auf die Teilhabe der Eltern am Kindergartengeschehen.“ Sylvia Mack


Pusteblume Gartenbild mit Schaukel 2019
Pusteblume Gartenbild mit Schaukel 2019

„Kinder lernen sich gegenseitig mit ihren Stärken und Schwächen kennen und akzeptieren“: Kooperation von Kirchengemeinde und Nikolauspflege in Mergelstetten (031-2019)

Seit dem Schuljahr 2017/ 2018 kooperiert die evangelische Kirchengemeinde Mergelstetten mit dem Schulkindergarten der Königin-Olga-Schule der Nikolauspflege in Heidenheim, die in Räume einziehen werden, die bisher als Gemeinderäume genutzt wurden. Seit über zehn Jahren werden im Schulkindergarten der Königin-Olga-Schule blinde, sehbehinderte und mehrfachbehinderte Kinder ab dem Alter von zwei Jahren bis zur Einschulung betreut. Der Umzug in die neuen Räumlichkeiten in das Gemeindehaus ermöglicht eine dauerhafte Kooperation mit der Kindertagesstätte „Pusteblume“.

Für die blinden, sehbehinderten und mehrfachbehinderten Kinder der Nikolauspflege ab dem Alter von zwei Jahren bis zur Einschulung soll Inklusion ermöglicht werden. Die Kleinen sollen hier einen klar strukturierten Tagesablauf erleben, der Sicherheit und Vertrauen bietet. Sehförderung, intensive Schulung der Wahrnehmung, Motorik und Kommunikation sind Förderschwerpunkte. Dazu gehören auch Training in Orientierung und Mobilität sowie das Erlernen lebenspraktischer Fähigkeiten.

Je nach persönlicher Entwicklung haben die behinderten Kinder die Möglichkeit mit den Kindern der Kindertagesstätte „Pusteblume“ zu spielen und zu leben. Im Schulkindergarten der Königin-Olga-Schule sind derzeit 9 Kinder und er hat eine Zulassung zur Aufnahme von bis zu 12 Kindern.

Die wesentlichen Gesichtspunkte der Konzeption

Wenn der Sehsinn nicht oder nur eingeschränkt genutzt werden kann, hat das Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung des Kindes. Durch die Verortung des Schulkindergartens mit der Regeleinrichtung in einem Gebäude sind inklusive Angebote für beide Kindergarten-/Krippengruppen möglich. Beginnend mit ersten Begegnungen bis hin zu festen, individuell gestalteten Kooperationen ist Inklusion für das einzelne Kind möglich. Die Kinder lernen sich gegenseitig mit ihren Stärken und Schwächen kennen und akzeptieren. Im inklusiven Setting lernen sie spielerisch einen rücksichtsvollen Umgang miteinander und erleben sich als Teil einer inklusiven Gemeinschaft, was wiederum die gesellschaftliche Teilhabe fördert.

Da auch andere Gemeindegruppen auf dem gleichen Stock treffen, gibt es auch weitere Begegnungsräume. Dies ermöglicht die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft durch offen zugängliche Angebote (z.B. Jungschar, Malkreis etc.).

Menschen aus dem Stadtteil haben hier die Möglichkeit Zeit zu verbringen, ins Gespräch zu kommen und neue Kontakte zu knüpfen. Das integrative Gemeindezentrum ist ein Ort werden, an dem Begegnung und Inklusion erfahren werden.

Maßnahmen, die helfen, Inklusion zu leben

Damit die Inklusion der blinden, sehbehinderten und mehrfachbehinderten Kinder gelingt, wird bereits seit mehreren Jahren ein junger Mensch im Freiwilligen Sozialen Jahr eingesetzt und über den Fonds „Inklusion leben“ bezahlt. Da sowohl die Erzieherinnen der Nikolauspflege als auch der Pusteblume mit ihrem Auftrag in der eigenen Einrichtung voll ausgelastet sind, bringt eine zusätzliche Kraft die nötige Entlastung, dass die Kooperation und damit die Inklusion weiter vertieft werden kann.

Pfarrer Kammer berichtet: „Mittlerweile haben wir unserem großen Garten mit Hilfe von Spendenmittel einen Spielbereich eingerichtet, der auch für blinde und mehrfachbehinderte Kinder genutzt werden kann. Zu den Spielgeräten wurde ein Weg angelegt, auf dem sich auch blinde Kinder orientieren können. Als Spielbereiche gibt es ein großes Klangrohrspiel, ein Trampolin (ebenerdig), einen Sandkasten mit Spieltisch für Kinder mit Rollstuhl und einer Nestschaukel (siehe Bild).

Außerdem nehmen wir am „Bildungshaus“ (http://kindergaerten-bw.de/,Lde/Startseite/Fruehe+Bildung/Grundgedanken+Bildungshaus) teil. Da sind die künftigen Schulkinder donnerstags morgens in der Grundschule und haben ein gemeinsames Programm mit den Grundschülern. In diesem Kindergartenjahr ist nun erstmals ein blinder Junge (der junge, der das rote „E“ in der Hand hält) von der Nikolauspflege dabei“.

-> Fachlicher Zwischenbericht der Nikolauspflege über die Kooperation