Forum Inklusion im Fokus setzt Impulse

Teilnehmende beim Forum Inklusion im Fokus im Gespräch

Das Forum Inklusion im Fokus am 26. Juli im CVJM Esslingen war ein voller Erfolg. Mehr als 100 Teilnehmende aus allen Bereichen gestalteten mit ihren Beiträgen und Ideen aktiv mit.

Inklusion: Für manche ein Zauberwort, das die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an den Angeboten einer Gesellschaft beschreibt. Für andere ein Schlagwort, das sie schon nicht mehr hören wollen. Aber für alle Menschen mit eingeschränkten Teilhabe-Chancen ein existenzielles Anliegen, das in einer sich rasch veränderten Gesellschaft immer wieder neu in den Fokus kommen muss. In diesem Sinne haben Kirche und Diakonie bereits vieles auf den Weg gebracht. Im Rahmen des zu Jahresbeginn gestarteten Aktionsplanes „Inklusion leben“ hat die Diakonie Württemberg jetzt mit dem „Forum Inklusion im Fokus“ einen weiteren Impuls gesetzt. Rund 100 Teilnehmende aus diakonischen Einrichtungen, Kirchengemeinden und Zivilgesellschaft und Menschen mit und ohne Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen machten deutlich: Jetzt heißt es, dran zu bleiben, sich weiter zu vernetzen, Haltungen zu verändern und Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

 

Esslingen, 26. Juli 2016. Dass Barrieren allgegenwärtig sind, machte die Rollstuhlfahrerin Renate Kühn aus Bad Cannstatt gleich zu Beginn des Forums deutlich. Nur mit Hilfe eines Assistenten und eines Fahrdienstes konnte sie zum Forum in den Räumen des CVJM Esslingen kommen. In ihrer Freizeit ist sie oft auf Ehrenamtliche angewiesen, die sie beim Restaurant-Besuch oder ins Kino begleiten. Oft muss sie lange warten, bis jemand Zeit dafür hat. „Wir müssen noch viele Leute zur Inklusion bringen“, betonte sie. „Das läuft alles noch nicht so richtig“. Es nütze ihr wenig, wenn alle nur betonten, wie wichtig Inklusion sei. „Wir müssen aufeinander zugehen, damit sich etwas bewegt – auch wenn das nicht alles von heute auf morgen geht“. Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg, machte deutlich, warum es für Kirche und Diakonie zentral ist, sich für gelingende Inklusion und Teilhabe einzusetzen. So wolle auch Jesus, „dass sich alle beteiligen können“ und uns „auch heute zu Menschenfischern machen“. Denn jeder und jede könne schließlich etwas einbringen in die Gemeinschaft.

Petra Baumann präsentiert beim Forum Inklusion im Fokus gelingende Inklusions-Modelle
Petra Baumann präsentiert beim Forum Inklusion im Fokus gelingende Inklusions-Modelle

„Wo kommen wir her und wo gehen wir hin in Sachen Inklusion?“ fragte sich im Anschluss Stefanie Rausch. Die Geschäftsführerin des Diakonievereins Freiburg Südwest betonte: „Es geht um innere Werte und Haltungen, die die meisten von uns müssen jeden Tag aufs Neue erlernen müssen, weil viele von uns aus Zeiten kommen, in denen Inklusion noch kein gesellschaftliches Thema war“. Rausch warb dafür, bei jedem Menschen Kompetenzen zu entdecken, auch wenn dies nicht immer leicht sei. „Sich mit Inklusion auseinanderzusetzen bedeutet nichts anderes, als sich wegzubewegen von dem Denken in Defizitmustern“. Entscheidend ist für die Geschäftsführerin aber, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu verändern. Sowohl im Alltag als auch auf politischer Ebene müssten alle mithelfen, dass nicht Menschen weiterhin gezwungen seien, sich an das System anzupassen.
Auf was es ankommt, damit das gemeinsame Leben in Stadtteil und Gemeinde gelingen kann, machte Petra Baumann deutlich. Die durch eine Spastik stark behinderte Referentin arbeitet in einer Werkstatt des Behindertenzentrums Stuttgart am Computer. „Meiner Erfahrung nach sind Feste gute Begegnungsmöglichkeiten, bei denen man kann sich zeigen kann“, sagte sie. Noch besser sei es, ein Fest gemeinsam zu organisieren, sich einzubringen und dabei zu begegnen. Mittlerweile habe man im Behindertenzentrum Kontakte zu wichtigen Leuten und auch zu Vereinen. Bewohner gingen jetzt zum Fußball, zur Gymnastik oder seien bei der evangelischen Gemeinde mit dabei. „Es kommt darauf an, offen zu sein, gute Ideen zu haben und gerne etwas gemeinsam mit anderen zu machen und zusammen zu arbeiten“, so Petra Baumann weiter.

Teilnehmerin spricht aus dem Publikum heraus beim Forum Inklusion im Fokus
Teilnehmerin spricht aus dem Publikum heraus beim Forum Inklusion im Fokus

Die Workshops am Nachmittag boten einen Querschnitt davon, wie Beteiligung und Barrierefreiheit vor Ort gelebt wird und wie es gelingen kann, die Öffentlichkeit einzubeziehen und sich im Gemeinwesen zu vernetzen. Sie zeigten, wie ein inklusiver Gottesdienst oder gemeinsame Freizeitaktivitäten aussehen können. Oder wie die Inklusion von Nichtbehinderten in eine Schule für Blinde funktioniert. Deutlich wurde auch, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden ist: „Da ist viel guter Wille vorhanden und es ist ein großer Gewinn, wenn man Dinge gemeinsam gestaltet“. Klar wurde aber auch, das „Inklusion nicht nebenher erledigt werden kann“. So brauche es in den Einrichtungen jemanden, der für das Thema stehe und voran treibe. Auch der Aufbau einer Begegnungskultur im Sozialraum benötige Zeit, hohes Engagement und fachliche Unterstützung. Deutlich auch die Botschaft, wie wichtig es ist, mit dem gemeinsamen Aufwachsen so früh wie möglich zu beginnen und die entsprechenden Ressourcen dafür bereit zu stellen.

Mitgestaltet wurde des Forum von der Trommelgruppe des Gemeindepsychiatrischen Zentrums Reutlingen sowie der „Rock-School-Band“ der August-Hermann Werner Schule Markgröningen. Beide Gruppen zeigten durch ihre Auftritte anschaulich, welch hohen Stellenwert gerade das gemeinsame Musizieren für eine gelingende Inklusion hat. „Für mich war das eine Veranstaltung, die mein Herz berührt hat“, so eine Teilnehmende. „So etwas sollte öfters stattfinden, damit möglichst viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen und sich begegnen können“. Das Forum lebte von der engagierten Mitgestaltung durch zahlreiche Akteure aus Diakonie und Kirche. Finanziell gefördert wurde es von der „Aktion Mensch“.
Wolfram Keppler


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