Dem „Anders-Sein“ zugewandt

Stefan Gasch begleitet Menschen mit Behinderungen zum Gottesdienst und macht dabei spannende Erfahrungen

Das Bild zeigt Stefan Gasch. Er ist Vorsitzender der Evangelischen Bezirkssynode in Heilbronn
Stefan Gasch ist Vorsitzender der Evangelischen Bezirkssynode in Heilbronn

Herr Gasch, Sie sind Vorsitzender der Bezirkssynode Heilbronn und machen sich persönlich stark für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in Kirchengemeinden. Was war ihr erster Berührungspunkt mit dem Thema Behinderung?

Als junger Mann war ich mit Menschen mit körperlichen Behinderungen im Urlaub. Es war eine für mich bis dahin vollkommen fremde Welt.

Nie vorher hatte ich einem Mann bei der morgendlichen Toilette geholfen – und das schloss die WC-Toilette ein. Gerade diese körperliche Nähe führte aber vermutlich zu einer ungewohnten Vertraulichkeit und offenen Gesprächen. Ein junger Mann hatte sich durch einen Verkehrsunfall die Wirbelsäule gebrochen. Das heißt, der junge Mann hatte sehr muskulöse Arme und Schultern wie ein Bodybuilder. Die brauchte er, um sich aus dem Rollstuhl in den Autositz zu schwingen. Seine Hüfte und Beine, die waren unglaublich schmal und zerbrechlich.

Was hat Sie miteinander verbunden?

Wir waren beide junge Männer, hatten ähnliche Träume und Sehnsüchte. Er aber war ein Rollstuhlfahrer und ich war Fußgänger. Er mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten eine Freundin zu finden – unser beherrschendes Thema in dem Alter. Den Mann und mich trennten dabei nur die Sekunden des Unfalls, die aus ihm den „Körperbehinderten“ machten.

Sie fahren sonntags oft mit behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer beschützenden Werkstätte gemeinsam zum Gottesdienst. Was ist das für eine Erfahrung, was passiert dabei?

Das ist für mich zunächst einmal ein sehr schönes Ehrenamt. Es ist gut, keine Angst vor etwas extrovertiertem Verhalten zu haben. Herr B. beispielsweise fragt ab und zu laut in den Gottesdienst hinein, ob er brav sei. Frau C gewinnt regelmäßig das Rennen, wer am schnellsten das Vater-Unser beten kann. Und beim Abendmahl hörte ich meinen Nachbarn auch schon einmal „Prost“ erwidern. Keine Ahnung, was die von der Predigt mitbekommen. Aber deren Freude über die Gemeinschaft und geschenkte Aufmerksamkeit ist spürbar. Dem geben sie erkennbar und warmherzig Ausdruck, so dass man sich fragt, wer von uns beiden eigentlich normal ist.

Wie reagieren die anderen Gottesdienstbesucher darauf?

Nur wenige sind sauer, empfinden das aus ihrer Sicht unangepasste Verhalten als störend. Die ganz überwiegende Mehrheit zeigt sich oft sehr zugewandt diesem „anders sein“ gegenüber. Gottesdienste werden oft herzlich, wärmer. Als wäre der Heilige Geist anwesend – und ich glaube, er ist es.

 

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